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Jemenitischer Analyst: Saudi-Arabien hat sich im Jemen verrannt und wird Krieg nicht gewinnen

Jemenitischer Analyst: Saudi-Arabien hat sich im Jemen verrannt und wird Krieg nicht gewinnen
Ein jemenitischer Kämpfer, der dem von Saudi-Arabien unterstützten jemenitischen Präsidenten dient, steht neben einem Toyota Pickup.
Im Interview mit RT Deutsch erklärt ein jemenitischer Analyst, warum Saudi-Arabien den Krieg in Jemen nicht gewinnen kann. Er skizziert die eigentlichen Gründe für den Krieg und warum Riad zunächst sogar die Huthis unterstützte, bevor sie heute vehement bekämpft werden.

RT Deutsch hat mit Mareb al-Ward gesprochen. Er ist jemenitischer Journalist und politischer Analyst, der für mehrere arabische Medien wie das Nachrichtenblatt al-Arab als Kriegsberichterstatter aus der Stadt Taizz über den Krieg in seinem Land berichtet. Das Interview wurde von RT Deutsch-Redakteur Ali Özkök geführt.

Im Februar 2015 lösten die Huthis das Parlament in Sanaa auf und übernahmen die Macht. Was war der Hintergrund dieser Entwicklung und was erklärt die Schwäche der Hadi-Regierung?

Die Auflösung des Parlaments und der erzwungene Rücktritt des Präsidenten Abed Rabbu Hadi waren das natürliche Ergebnis einer inzwischen länger bestehenden Kontrolle der Huthis über die zivilen und militärischen staatlichen Institutionen in Sanaa. Das Parlament wurde aufgelöst, um zu verhindern, dass nach dem Rücktritt von Hadi der ehemalige Machthaber Ali Abdullah Salih wieder die Macht ergreifen kann, weil seine Partei das Parlament dominierte. Tatsächlich hatte zuvor Präsident Abed Rabbu Hadi eine Armee "geerbt", die ihn selbst wenig respektierte, dagegen loyal zu mehreren anderen Politikern war. Die stärkeren Einheiten und besser ausgebildeten Streitkräfte blieben mehrheitlich Ali Abdullah Salih gegenüber loyal. Die Wiederherstellung der ultimativen Macht von Salih lehnten die Huthis allerdings angesichts der Spannungen mit ihm in der Vergangenheit ab.

Saudischer Beamter schaut aus dem Haupteingang des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul.

Auch in den Jahren seiner Herrschaft konnte Abed Rabbu Hadi die Armee nicht vollständig umstrukturieren, um sie sich später als Südpräsident des Landes in Aden unterzuordnen. Fakt ist, dass Hadi - vielleicht aus falscher Kalkulation oder wegen der regionalen intriganten Politik der regionalen ausländischen Akteure - wohl niemals ahnte, dass die Huthis auch ihn irgendwann ins Visier nehmen würden. Die Huthis hatten ihren Hauptkonflikt mit den Führern der Revolution von 2011/2012 und den Elementen, die sich damals General Ali Mohsen al-Ahmar anschlossen. Al-Ahmar gehört zu den Gründern der von den Saudis abgelehnten Islah-Partei. Die Partei lehnt Monarchie als politische Herrschaftsform ab. Sie fordert im gesamten arabischen Golfraum die Reform des politischen Systems und wird deswegen auch als existenzielle Gefahr für die Machtbasis der Autokraten in Riad und Abu Dhabi wahrgenommen.

Bemerkenswert ist, dass der pensionierte saudische General Anwar Eschki jüngst in einem Interview mit einem russischen Fernsehkanal ganz richtig einräumte, dass er den Prozess der Verhandlungen über die Machtergreifung mit den Huthis im Jahr 2014 geleitet hat. Dabei ging es darum, den Huthis den Einmarsch in die Hauptstadt Sanaa zu erleichtern und die Islah-Partei zu eliminieren, die von den Saudis als Hauptfeind betrachtet werden.

Mit anderen Worten, die Saudis wollten die Huthis eigentlich benutzen, um die Islah-Partei auszuschalten. Die Folgen waren fatal.

Diese Pläne waren auch den US-Amerikanern bekannt, die die Huthis ursprünglich als möglichen Verbündeten im Kampf gegen al-Qaida angesehen haben. Als die Huthis die Unterstützung von Saudi-Arabien erhielten, um die Islah-Partei anzugreifen, sahen die Huthis auch die glückliche Gelegenheit gekommen, gleich komplett die Macht im Land an sich zu reißen. Sie nutzten die Wut der Bevölkerung und deren Unterstützung und zwangen so Hadi zum Rücktritt.

Jemenitischer Analyst: Saudi-Arabien hat sich im Jemen verrannt und wird Krieg nicht gewinnen

Die von Saudi-Arabien geführte Koalition versucht seit 2015, die Huthis aus Sanaa zu jagen. Warum kommen die saudischen Versuche, gegen die Huthis erfolgreich zu sein, so langsam voran?

Leider sind die Saudis immer noch von zahlreichen Fehleinschätzungen besessen. Um ehrlich zu sein, ist nirgendwo zu bemerken, dass die Saudis ernsthaft den Kampf im Norden des Jemen zu irgendeinem Erfolg zu bringen, insbesondere nicht in Sanaa, der Hauptstadt. Insgeheim wissen sie, dass ihnen das gar nicht möglich ist.

Außerdem wollen die Saudis die der Muslimbruderschaft nahestehende Islah-Partei, obwohl sie ein effektiver Akteur unter den meisten anti-Huthi-Kräften ist, nicht vom Krieg gegen die Huthis profitieren lassen, da die schon viel zu viel von der Macht errungen habe. Theoretisch wäre die Islah-Partei sogar ein natürlicher Kooperationspartner der Saudis. Islah unterstützt im Kern sogar die von Saudi-Arabien gestartete Intervention im Jemen. Ohne eine Macht, die der von Islah im Norden des Landes entsprechen würde, ist ein Sieg für Riad in Sanaa schlichtweg unmöglich. Deshalb wurde auch jede Operation gegen den Osten von Sanaa gestoppt. Dort gibt es keinen Akteur mehr, der ohne die Islah-Partei das Vakuum füllen könnte. Die ideologische Engstirnigkeit von Riad, die eine Kooperation mit den Muslimbrüdern und den Stämmen nicht zulässt, führt unweigerlich zu ihrem eigenen Scheitern.

Seit der Ermordung des früheren Machthabers Ali Abdullah Salih Ende 2017 verfolgen die Saudis und Vereinigten Arabischen Emirate inzwischen einen neuen Plan. Sie begannen unter dem Kommando des Neffen von Salih, der Tatik heißt, neue Milizen mit einer großen Menge an modernen Waffen auszurüsten. Sie beauftragten ihn mit einer führenden Rolle bei der noch laufenden Offensive um die wichtige Hafenstadt al-Hudaida im Westen Jemens. Doch da beginnen schon die Probleme. Tatik erkennt Hadis Legitimität als Präsident nicht an und befolgt dessen Befehle nicht.

Meiner Meinung nach werden die Saudis zu keinem Zeitpunkt einen ernsthaften Kampf um Sanaa gegen die Huthis suchen. Sie fokussieren sich lieber auf ein vermeintlich einfacheres Ziel: auf Hudaida.

Riad kritisiert den Iran wiederholt dafür, dass er Jemen und die Huthis missbraucht hat, um einen Stellvertreterkrieg gegen Saudi-Arabien zu führen. Hält eine solche Anschuldigung auch Ihren Beobachtungen stand?

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Die Kritik Saudi-Arabiens an der Intervention des Iran im Jemen ist im Grunde akzeptabel, aber sie ist einfach nur zu einer Rechtfertigung verkommen. Nämlich zum Vorwand für die unbefristete Verlängerung des eigenen Krieges wegen der Unterstützung Teherans für die Huthis. Es ist wahr, dass der Iran im Jemen eine Rolle spielt, aber die Angelegenheit liegt inzwischen Jahre zurück.

Saudi-Arabien hätte die Huthis in weniger als ein paar Jahren besiegen können, aber die saudischen Berechnungen und realen Ansätze hinken weit hinter dem idealisierten Wunsch eines Sieges zurück. Die iranische Einmischung ist dokumentiert durch das Aufdecken iranischer Spionagezellen, die 2012 vor Gericht gestellt wurden. Außerdem wurden einige Waffenlieferungen beschlagnahmt, aber diese Lieferungen stehen im krassen Widerspruch zu den Übertreibungen von UN-Experten, wonach die Huthis mit High-Tech-Waffen ausgerüstet wären, wie zum Beispiel Raketen.

Lassen Sie mich Ihnen sagen, was im Rückblick wirklich verblüffend ist: Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben dem Iran faktisch über lange Zeit im Jemen gedient und den Iranern ein riesiges Geschenk gemacht, von dem die Iraner selbst nicht geträumt hatten. Die Saudis, die heute die Huthis bekämpfen, haben die Huthis beim Kampf um die Kontrolle über die Städte Amran und später Sanaa als Gegenleistung für deren Bekämpfung der Islah-Partei selbst unterstützt. Die Islah-Partei begriff 2014 das zustandegekommene Spiel zwischen den Saudis und den Huthis. Deshalb fasste die Islah-Partei den Beschluss, den Konfrontationen mit den Huthis künftig aus dem Weg zu gehen.

Ohne diese mächtige Unterstützung aus Saudi-Arabien wären die Huthis niemals in der Lage gewesen, die Hauptstadt Sanaa aus eigener Kraft einzunehmen, nicht einmal mit der Unterstützung durch den Iran. Teheran musste sich also lediglich die törichte Politik Riads und Abu Dhabis zunutze machen.

Ich kann durchaus verstehen, dass der Iran die Saudis im Jemen an seine Grenzen bringen will. Doch eigentlich sind es die Saudis selbst, die wegen ihrer eigenen Politik scheitern, ganz zu schweigen davon, dass Riad die Gelegenheit bewusst verstreichen ließ, die Huthis auszuschalten, als sie schwach waren. Nun schieben sie die Unterstützung Irans für die Huthis als Vorwand vor sich her, um ihre eigenen Aktivitäten im Jemen irgendwie weiter zu rechtfertigen. Ein Grund für den Verbleib im Jemen für die Saudis ist zum Beispiel der Bau einer Pipeline in al-Mahra, im Osten des Landes. Saudi-Arabien will künftig Erdöl exportieren, ohne die Straße von Hormus durchqueren zu müssen, die vom Iran kontrolliert wird.

In diesem Jahr starteten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate eine Offensive gegen die Hafenstadt al-Hudaida, die als logistische Verbindung der Hauptstadt Sanaa gilt. Wie ist die Situation vor Ort und welche Folgen hätte der Verlust von Hudaida für die humanitäre Situation im Jemen?

Die Schlacht ist trotz der wiederholten Ankündigungen der Vereinigten Arabischen Emirate, al-Hudaida beinahe erreicht zu haben, fast ausgesetzt. Sie wird bald beendet werden müssen. Riad und Abu Dhabi haben wertvolle Gelegenheiten verloren, Hodeidah einzunehmen.

Unterm Strich tragen folgende Faktoren zum Scheitern auch dieser Saudi-geführten Offensive bei. Die dort eingesetzten Milizen sind zusammengewürfelte Verbände, die loyal zu den Emiraten sind, aber nicht zu Politikern im Jemen. Sie besitzen auf diesem Boden kaum irgendeine Legitimität . Die Operationen wurden wiederholt eingestellt, was auch die Moral der kämpfenden Einheiten negativ beeinflusst.  

Die humanitäre Situation im Jemen ist schlecht. Eine halbe Million Menschen wurde inzwischen durch den Krieg vertrieben.

Jede Beschädigung, jede Unterbrechung der Arbeit des Hafens von Hudaida wird sich weiter stark negativ auf das Leben der Bevölkerung im Norden des Jemens auswirken, wo die Bevölkerungsdichte besonders hoch ist. Leider tragen auch die Huthis zu einem gewissen Teil zu dieser humanitären Katastrophe bei, indem sie teilweise internationale Hilfsgüter plündern.

Es wird berichtet, dass die Vereinigten Arabischen Emirate im Jemen engagiert haben, um Politiker zu ermorden. Wie wird diese Intervention vom jemenitischen Volk wahrgenommen?

Screenshot einer Drohenaufnahme von der Operation zur Tötung des Kopfes von al-Islah

Die Jemeniten fühlen sich von den Vereinigten Arabischen Emiraten verraten, die anfänglich ihre schützende Hand über sie hielten. Aber die Handlungen der Emiratis gleichen nun denen der Huthis. Die Emirate entführen Dissidenten, inhaftieren und foltern sie. Sie zerstören das politische Leben, indem sie Parteien und Gewerkschaften im Einklang mit ihrer Vision von Unfreiheit einschränken. Jemeniten fragen sich, warum die internationalen Medien dabei so selektiv mit den Aktivitäten der Emirate im Land umgehen können. International gab es keinerlei Aufschrei, als bekannt wurde, dass die Emirate Söldner beauftragten, um Politiker zu ermorden.

An welchem Punkt im Jemenkrieg befinden wir uns derzeit? Gibt es Ihrer Meinung nach einen Weg, den Jemenkrieg zu beenden?

Der Frieden im Jemen ist noch weit entfernt, und diese Situation wird zumindest kurz- und mittelfristig noch andauern. Die Saudis und Emiratis kontrollieren die Intensität dieses Krieges mit ihren Geld und Waffenlieferungen. Die Islah-Partei ist eine reale Macht im politischen Leben des Jemen geworden und hat ihre Stabilität in mehreren Regionen des Landes bewiesen. Sie ist in al-Mahra, Hadramaut, Aden, Mokka und auf Sokotra aktiv. Sie ist einer der wichtigsten Gründe, warum die Saudi-Koalition bis heute gescheitert ist. Islah ist auch der Grund, warum die Saudis und Emiratis inzwischen verzweifelt nach neuen Zielen im Jemen suchen, die sie tatsächlich erreichen können. Auf diese Weise wird sich die schrittweise Zersetzung und Erschöpfung Jemens weiter fortsetzen, nämlich durch die Entstehung von Nebenkriegsschauplätzen, die die Situation weiter verkomplizieren.

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