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Die Vereinigten Staaten von Amerika – Ein Land implodiert in Zeitlupe

Die Vereinigten Staaten von Amerika – Ein Land implodiert in Zeitlupe
"Die Massen urteilen gar nicht oder falsch. Die Urteile, die die Massen annehmen, sind nur aufgedrängte, niemals geprüfte Urteile", schreibt der französische Soziologe Gustave Le Bon in seinem Klassiker "Psychologie der Massen" aus dem Jahr 1895.
Der US-amerikanische Bürgerkrieg ist 153 Jahre her. Doch die Ereignisse der letzten Tage sind alarmierend. Die Radikalisierung der politischen Lager nach Trumps Wahlsieg droht dem "Land of the Free" den Garaus zu machen. Und das ganz ohne russische "Beihilfe".

von Timo Kirez

Würde Shakespeare noch leben, er hätte vermutlich seine helle Freude am augenblicklichen Geschehen in den USA. Die selbsterklärte "Führungsnation der westlichen Welt" liefert zurzeit bestes Material für ein tiefschwarzes Drama. Da gibt es einen "bösen König", der als unrechtmäßig angesehen wird, einen intriganter "Hofstaat", der keine Gelegenheit auslässt, dem "Herrscher" in den Rücken zu fallen, und ein gespaltenes Volk, dass sich immer häufiger gegenseitig an die Gurgel geht. Und neuerdings gibt es auch Sprengsätze per Post.

In jedem dritten Land der Welt gibt es mindestens einen US-Militärstützpunkt. Ist dies etwa kein globaler Anspruch? Im Bild: US-Präsident Donald Trump mit US-Verteidigungsminister James Mattis (links) und dem Chef des Generalstabes General Joseph F. Dunford (rechts) in seinem Kabinett.

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Das politische Klima in den USA mit "vergiftet" zu beschreiben, wäre eine Verniedlichung. Eine zeitgemäßere Deutung des aktuellen Geschehens als Shakespeare lieferte der 2007 verstorbene Philosoph Jean Baudrillard. In einem Interview mit der österreichischen Zeitung Der Standard in 2002 sprach Baudrillard davon, dass das Böse "viral geworden" sei. Zwar formulierte Baudrillard seine Gedanken im Zusammenhang mit Terrorismus und Extremismus (nach dem Angriff auf die Zwillingstürme von 2001), doch sie lesen sich heute auch wie eine Bestandsaufnahme der inneren Kämpfe in den USA. Baudrillard:

Heute dagegen ist das Böse viral geworden. Das Symptom dessen war übrigens diese Panik-Epidemie wegen Anthrax. Der Feind ist also eine bakterielle, eine virale Keule, und das ist auf jeden Fall viel beängstigender. Mir scheint, heute ist die feindliche Macht im Herzen der Weltmacht, sie ist nicht länger außerhalb, wie die Sowjetunion außerhalb der USA war. In gewisser Weise ist der Terrorismus überall.

Es braucht nicht viel Phantasie, um die Worte Baudrillards auch auf die Präsidentschaft Donald Trumps anzuwenden. Der US-Präsident wirkt wie ein Virus, der den etablierten Politikbetrieb Washingtons befallen hat. Seit der Immobilienmogul im Weißen Haus frühstücken darf, formiert sich im "Establishment" eine heftige Abwehrreaktion. Wie Antikörper bei einem feindlichen Eindringling, wird versucht, das Virus zu vernichten. Die Verrohung der Sitten bei diesem "Abwehrkampf" ist eine Folgeerscheinung, die auf beiden Seiten immer bizarrere Blüten treibt. Das jüngste Beispiel ist die Veröffentlichung von fünf Kurzgeschichten in der New York Times. Eine davon nimmt sich eines besonderen Themas an: der Ermordung Donald Trumps.

Unter dem vielsagenden Motto "Trumps nächstes Kapitel" und einer unzweideutigen Illustration erklärt die New York Times, worum es ihr bei der Aktion geht:

Lautstarker Protest: Vor der geplanten Abstimmung des US-Senats über die Bestätigung des nominierten Kandidaten für den Supreme Court, Brett Kavanaugh, versammelten sich am 6. Oktober zahlreiche Demonstranten vor dem US-Kapitol in Washington.

Unser Fokus hier bei der Buchbesprechung liegt auf Büchern und Geschichten, aber auch darauf, wie die geschriebenen und gelesenen Bücher die Welt außerhalb der Bücher widerspiegeln. Und eine der größten Geschichten da draußen sind natürlich die Mueller-Ermittlungen und die Beziehung zwischen Trump und Putin. Es ist schwer, nicht darüber zu spekulieren, was als Nächstes passieren könnte. Zu diesem Zweck dachten wir: Wer ist besser als einige der talentiertesten Spionage- und Krimisammler von heute – Joseph Finder, Laura Lippman, Jason Matthews, Zoë Sharp und Scott Turow – um mögliche Ergebnisse zu erzielen?

Und eine der veröffentlichten Geschichten, geschrieben von der erfolgreichen britischen Krimiautorin Zoë Sharp, zeigt auch gleich mal an, wohin das nächste Kapitel Trump führen wird: auf den Friedhof. Aber natürlich nicht auf den "Friedhof der Kuscheltiere", sondern den für Staatsfeinde – wenn es den überhaupt gibt. In ihrer Kurzgeschichte unter dem Titel "How it ends" (Wie es zu Ende geht) lässt Sharp dabei leider kein Klischee aus. Grob zusammengefasst: 

Ein russischer Agent checkt in ein Hotel ein, trifft einen anderen Russen, der eine Aktentasche mit Makarow-Pistole und Stolichnaya (was sonst?) dabei hat, und betrinkt sich (ist ja ein Russe, die saufen sowieso alle). Am nächsten Morgen versucht er, Trump zu erschießen, doch die Makarow versagt den Dienst. Und jetzt kommt der Clou: Das Scheitern des Attentats wird durch das Eingreifen eines Secret-Service-Agenten verhindert. Die Moral von der Geschicht: Selbst seine Schutzengel gönnen dem Donald das Leben nicht. Die "dramatische Szene" in deutscher Übersetzung liest sich so:

Die Makarow versagte. Der Secret-Service-Agent neben der Schulter des Präsidenten hörte das Klicken und drehte sich in eine Hocke. Er registrierte die Szene sofort und zog seine eigene Waffe mit rasiermesserscharfen Reflexen. Der Russe durchlebte sein Versagen. Er schloss die Augen und wartete darauf, den Preis zu zahlen. Doch es kam nichts. Er öffnete die Augen. Der Secret-Service-Agent stand vor ihm und präsentierte ihm seine Glock, den Griff zuerst. "Hier", sagte der Agent höflich. "Nimm meine." …

Eine Flagge weht am Kapitol zu Ehren des verstorbenen US-Senators John McCain auf Halbmast, 26. August 2018.

Was diese Geschichte so besonders macht, ist nicht die Geschichte selbst, sondern wie die Geschichte in der "realen Welt" weiterging. Die Kurzgeschichten erschienen am Dienstag, dem 23. Oktober. Einen Tag später wurden in den Briefkästen der Clintons und Obamas Sprengsätze entdeckt. Trump forderte nach den Vorfällen, dass das Land "zusammenkommt", und verlangte eine bundesstaatliche Untersuchung der Affäre. Er verurteilte die Täter.

Doch am selben Tag, an dem die Sprengsätze verschickt wurden, erschien in der New York Times ein Kommentar mit dem Titel "Rhetorik, Mob und Terror. Die Sprengsätze wurden in einer von Trump geschaffenen giftigen Atmosphäre freigesetzt".

Baudrillard sagt in seinem Interview von 2002:

Es gibt ein Implosionspotenzial in einem geschlossenen System. Dieses Potenzial kann jedoch bloßes Potenzial, kann virtuell bleiben. Eine Gruppe von Terroristen kann jedoch das vorhandene Potenzial herauskristallisieren. Dann kommt es zum Ereignis. Aber die Potenzialität dieses Ereignisses war schon im System vorhanden, war in seinem Innern gegeben.

Wie es scheint, hat die Implosion begonnen.

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