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Antisemitismusvorwurf gegen Böhmermann: Wer darf in Deutschland Witze über Juden machen?

Antisemitismusvorwurf gegen Böhmermann: Wer darf in Deutschland Witze über Juden machen?
Darf der das? Ja, darf er.
Es ist ein deftiger Vorwurf: Der jüdische Komödiant Oliver Polak hat seinem Kollegen Jan Böhmermann in einem Buch Antisemitismus vorgeworfen. Ohne ihn allerdings beim Namen zu nennen. Doch das ist nicht das eigentliche Problem an der Sache.

von Timo Kirez

Vorweg die bisher bekannte Faktenlage: In seinem Buch "Gegen Judenhass" erhebt der Komödiant Oliver Polak Antisemitismusvorwürfe gegen Jan Böhmermann, nennt ihn aber nicht beim Namen. Die Vorwürfe gehen unter anderem auf einen Auftritt Polaks 2010 während der Show des 25-jährigen Bühnenjubiläums von Comedian Serdar Somuncu zurück. Die Veranstaltung wurde seinerzeit von Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann moderiert. Nach Polaks Abgang von der Bühne soll Böhmermann gefragt haben: "Habt ihr ihn angefasst?" und die Hände von Somuncu und Heufer-Umlauf mit einem Desinfektionsspray gereinigt haben.

Die DVD der Sendung zeigt zudem, wie Böhmermann, während sich Heufer-Umlauf und Polak während der Proben unterhalten, im Hintergrund des Bildes auftaucht, auf Polak zeigt und immer wieder das Wort "Jude" flüstert. Auch im Zusammengang mit einer weiteren Sendung, erhebt Polak Vorwürfe. Nach seiner Einladung in Böhmermanns ZDF-Sendung Neo Magazin Royale 2015 habe Polak im Vorfeld darum gebeten, dass sich Böhmermann in der Show nicht zu sehr auf seinen jüdischen Glauben fokussieren solle. Böhmermann soll darauf geantwortet haben: "Sorry, aber dein Judentum ist dein Unique Selling Point, da musst du jetzt durch."

In einem Interview mit der Welt am Sonntag nennt Polak das Verhalten Böhmermanns "krank, so richtig besessen". In seinem Buch kommentiert Polak den Gag mit dem Desinfektionsspray, allerdings ohne Böhmermann beim Namen zu nennen, mit den Worten:

Sollte das Ironie sein? Wem genau galt sie? Imitierte er mit seiner Geste einen Antisemiten, oder sprach einer aus ihm? Fakt ist: Sein Gag war keiner, denn er hatte keine Pointe. Er bildete lediglich den Antisemitismus des Dritten Reiches ab.

Harter Tobak. Das Buch sollte ursprünglich im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen, doch offenbar baten die Verlagsverantwortlichen Polak darum, die betreffende Stelle aus dem Buch zu streichen. In seinem Interview mit der Welt am Sonntag erhebt Polak Zensurvorwürfe gegen den Verlag. Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch bezeichnete die Passage, ebenfalls in einem Interview mit Welt am Sonntag, hingegen als "eine absolut gegenstandslose Unterstellung". Ohne den Namen Böhmermanns zu erwähnen, der ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht, fügte Malchow hinzu: "Wenn man diesen Autor und seine Arbeit kennt, dann weiß man, dass dieser Autor nicht in Zusammenhang mit Antisemitismus zu bringen ist."

Das Buch erschien schlussendlich im Suhrkamp-Verlag. Mit der entsprechenden Passage. Nun dreht sich die Debatte nicht mehr nur um Böhmermann, Polak und die Verlage, sondern auch um die mediale Berichterstattung darüber. Denn als erstes Medium erwähnte die Wochenzeitung Der Freitag Böhmermanns Namen im Zusammenhang mit Polaks Vorwürfen. Mehr noch: Der Freitag beklagt, dass auch bei den Interviews in der Welt am Sonntag und anderen Medien der Name nicht genannt werde. In seinem Beitrag für Der Freitag schreibt der Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier dazu:

Polaks Buch hat große mediale Aufmerksamkeit bekommen, aber die Identität des Moderators wird nirgends verraten. Auch in einem Gespräch in der Welt am Sonntag, in dem es ausführlich um die geschilderte Situation geht, fällt er nicht. Zwar nennt Polak selbst grundsätzlich keine Namen – auch nicht den des Freitag-Verlegers Jakob Augstein, der ebenfalls im Buch vorkommt. Aber dass auch Journalisten in ihren vielen Berichten Böhmermann nicht für das Publikum identifizieren, ist erstaunlich: angesichts der Prominenz, die der ZDF-Komiker erreicht hat, des Aufsehens, das er immer wieder erregt, und der Debatten, die er immer wieder auslöst, auch über Satire und ihre Grenzen. Ein langer Spiegel-Artikel outet zwar den Rapper Haftbefehl als einen der Protagonisten des Buchs, belässt Böhmermann aber im Schutz der Anonymität.

Da hat Niggemeier absolut Recht. Ein Komödiant, der wie Böhmermann gerne und oft austeilt, darf nicht unter Denkmalschutz gestellt werden – nur weil bestimmte Meinungsmacher ihn per se für "unschuldig" halten. Für so etwas wurde der Begriff "Nanny-Journalismus" erfunden. Man könnte auch polemisch fragen, wo die "Unschuldsvermutung" bei Farid Bang, Kollegah und dem ganzen Theater um die Echo-Verleihung war. Doch leider beschränkt sich Niggemeiers Kritik nicht auf diesen Punkt, sondern stellt das Recht von Komikern wie Böhmermann und Somuncu auf Juden- und Türkenwitze grundsätzlich in Frage. So schreibt Niggemeier im Hinblick auf die besagte Sendung mit Somuncu unter anderem:

Größere Teile der Moderation, mit der der in Istanbul geborene Gastgeber gefeiert werden soll, bestehen aus plumpen Türkenwitzen. Sie können in diesem Zusammenhang überhaupt nur gemacht werden, weil sich alle Beteiligten unausgesprochen einig sind, dass man sie nicht so meint; dass man in Wahrheit keine Türkenwitze macht, sondern Witze über Leute, die Türkenwitze machen. Es ist ein Vorwand und eine Entschuldigung, Türkenwitze zu machen.

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Aber braucht es wirklich erst einen Vorwand oder gar eine Entschuldigung, um Türkenwitze  machen zu dürfen? Und wenn ja, seit wann? Weiter schreibt Niggemeier:

Dann kommt Oliver Polak, der seine traumatischen Erfahrungen als Jude in der emsländischen Provinz nicht nur in Büchern, sondern auch in seiner Comedy sehr offensiv verarbeitet hat. "Ich darf das, ich bin Jude" heißt eines seiner Programme. Böhmermann, Heufer-Umlauf und Somuncu scheinen dieses Motto – wie offenbar viele andere auch – im Geiste um den Satz zu ergänzen: "Wenn der darf, dürfen wir das auch." Anmoderiert wird Polak an diesem Abend von Böhmermann mit den Worten: "Apropos Türken – hier kommt ein Jude." Während seines Auftritts ruft Somuncu einmal rein: "Juden schinden immer Zeit, damit sie hinterher Forderungen stellen können." Zum Abschluss folgt die Szene mit dem Desinfektionsmittel.

Auch hier sei die Frage gestattet, warum Böhmermann und Somuncu keine Judenwitze reißen sollen und dürfen. Es ist absurd, den Beteiligten in diesem Kontext Antisemitismus unterjubeln zu wollen. Wenn es denn so von Niggemeier gemeint sein sollte. Doch der anklagende Ton des Artikels ist nur schwer zu überlesen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Niggemeier ein Problem mit Böhmermann hat. Schon in der Diskussion um das sogenannte "Erdoğan-Schmähgedicht" gab es von Niggemeier ordentlich Tadel für Böhmermann.

Dieser suche nur die Aufmerksamkeit und verschaffe sich eine Opferrolle, zudem sei Böhmermann jemand, der sich nicht eindeutig festlege auf die Rolle als Satiriker, der ernst genommen werden will, oder als Komiker, den man natürlich nicht ernst nehmen dürfe. Das sei eine manchmal faszinierende, aber nicht ungefährliche Kombination. "So what?", ist man da geneigt zu fragen. Braucht es in Deutschland etwa eine amtliche Verordnung (und Verortung) von Witzemachern? Einen Blödelausweis? Dritte Schublade von links, zweites Fach von oben: Jan Böhmermann? Das ist, und selten passte diese Formulierung besser, ein schlechter Witz.

Wer wirklich antisemitische "Comedy" erleben will, ist mit dem Franzosen Dieudonné besser "bedient". Denn bei Dieudonné geht es nicht mehr um den Gag als Provokation, sondern mittlerweile auch um eine persönliche Abrechnung mit dem Judentum und auch um eine beinharte politische Agenda. Es sei auch daran erinnert, dass nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015, der zwölf Menschen das Leben kostete, eine weltweite Solidaritätswelle entstand, die sich für die Freiheit der Satire einsetzte, die natürlich wiederum von bestimmten Kreisen instrumentalisiert wurde, wie Niggemeier in einem Kommentar richtigerweise feststellte.

Doch was ist aus "Je suis Charlie" geworden? Die Direktorin des Dresdner Albertinum, Hilke Wagner, warnte Anfang dieses Jahres davor, dass die Selbstzensur die größte Gefahr der zeitgenössischen Kunst sei.

Die kann man seit einigen Jahren beobachten, ganz abgesehen von der #MeToo-Debatte", so Wagner.

Und sie ergänzte: "Aufgrund des Drucks der political correctness droht die Kunst an Schärfe zu verlieren." Und damit hat sie Recht. Denn was in der Politik geht, nämlich ein bisschen Liberalismus, geht in der Kunst nicht. Das heißt keineswegs, dass in der Kunst alles erlaubt ist. Wer die Grenzen der persönlichen Verleumdung, Beleidigung oder auch der Volksverhetzung überschreitet, muss sich dafür verantworten. Dies ist durch das Gesetzbuch auch entsprechend geregelt.

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Doch fallen die Judenwitze von Böhmermann (im Gegensatz zu seinem Erdoğan-Gedicht) wirklich in diese Kategorie? Wohl kaum. Man muss seinen Humor nicht mögen, man kann ihn für einen eitlen Fatzke halten und so weiter. Doch wenn sich die Diskussion plötzlich auch darum dreht, wer in diesem Land welche Witze erzählen darf und wer nicht, bekommt die Sache eine gefährliche Schlagseite. Man muss es in dieser Angelegenheit nicht gleich mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek halten, der einmal meinte:

Das ist mein Problem mit der politischen Korrektheit. Es ist nur eine Form der Selbstdisziplin, die es dir nicht wirklich erlaubt, Rassismus zu überwinden. Es ist nur unterdrückter, kontrollierter Rassismus.

Doch es steckt ein wahrer Kern darin. Politische Korrektheit ergibt sich aus dem Verständnis, dass es Rassismus und Ungleichheit gebe und dass anstelle der Lösung dieser Probleme eine "harmlosere Sprache" den Ausschlag geben könne. So als ob wir durch die Verwendung "harmloser Worte" und die Vermeidung krasser Witze die Probleme der Realität übertünchen könnten. Man müsse sehr präzise sein, um Rassismus nicht so zu bekämpfen, dass er letztlich zumindest die Bedingungen des Rassismus reproduziert, oder gar schafft, so der Philosoph. Und selbst Polak, der die ganze aktuelle "Affäre Böhmermann" ins Rollen gebracht hat, begründete in einem Interview im März dieses Jahres noch, warum "Witze rassistisch sein dürfen".

Wem das alles zu kompliziert und verworren ist, der kann sich immer noch an dem alten Gag des 1989 verstorbenen Komikers Wolfgang Neuss orientieren. Der forderte einmal, dass man das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen müsse – und die Verfassung vor ihren Schützern.

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