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Jahrbuch Qualität der Medien: "Zentralredaktionen hebeln publizistischen Wettbewerb aus"

Jahrbuch Qualität der Medien: "Zentralredaktionen hebeln publizistischen Wettbewerb aus"
Zunehmende Tristesse in der Medienlandschaft. Das aktuelle schweizerische "Jahrbuch Qualität der Medien" sieht die publizistische Vielfalt und den Stellenwert von Qualitätsnachrichten bedroht.
Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich hat sein aktuelles "Jahrbuch Qualität der Medien" veröffentlicht. Demnach bedrohen Ressourcenabbau und Publikumsschwund den qualitativ hochwertigen Informationsjournalimus.

In seinem kürzlich erschienenen "Jahrbuch Qualität der Medien – Schweiz" hat das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich insbesondere die publizistische Vielfalt untersucht. Neben der Vielfalt der Anbieter und der Berichterstattung innerhalb eines Mediums analysierten die Forscher erstmalig auch systematisch die Vielfalt der Berichterstattung innerhalb von redaktionellen Verbundsystemen.

Von Verlegerseite wird betont, dass solche Verbundsysteme aus Lesersicht eine Qualitätsverbesserung bedeuten, weil personelle Ressourcen und journalistisches Know-how in Zentralredaktionen gebündelt werden können. Das ist allerdings eine verkürzte Sicht. Negative Folgen auf gesellschaftlicher Ebene werden ausgeblendet.

Die automatisierten Textabgleiche zur Ermittlung gleicher oder unterschiedlicher Inhalte der Berichterstattung "zeigen, dass redaktionelle Kooperationen die publizistische Vielfalt in der Schweiz deutlich reduzieren. Insbesondere im demokratiepolitsch sensitiven Bereich der nationalen und internationalen Politikberichterstattung sinkt die publizistische Vielfalt markant." Im Bereich der Politikberichterstattung erscheinen laut der Untersuchung 40 Prozent der veröffentlichten Beiträge gleichzeitig in mindestens zwei Publikationen. Diese mehrfache Publikation gleicher Inhalte betreffe insbesondere die Berichterstattung zu internationaler (48 Prozent) und nationaler Politik (54 Prozent), wohingegen bei lokaler und regionaler Politik die Beiträge noch weitgehend eigenständig seien (mit nur 8 Prozent Mehrfachpublikationen).

Insgesamt reduzieren Verbundsysteme die Themen- und Perspektivenvielfalt, vornehmlich in der nationalen und internationalen Berichterstattung. Zudem wird der regionale Blick auf nationale und internationale Vorgänge eingeschränkt, wenn Verbundredaktionen die Politik-, Wirtschafts- oder Kulturberichterstattung für verschiedene Regionalzeitungen zentralisiert produzieren.

Besonders problematisch aus demokratietheoretischer Sicht ist die Tatsache, dass redaktionelle Verbundsysteme zu einer zunehmend gleichförmigen Berichterstattung in meinungsbetonten Beitragsformaten führen.

Beispiel Tanmedia: Die führende Mediengruppe der Schweiz organisiere ihre Titel Tages-Anzeiger, Bund und Berner Zeitung in einem redaktionellen Verbundsystem. Teilten diese drei Zeitungen zuvor 51 Prozent der Beiträge, so seien es nach der Einführung der Zentralredaktion 62 Prozent. In der redaktionellen Berichterstattung sei der Anteil gleicher Inhalte von 38 auf 55 Prozent gestiegen. Mit einem Anstieg von 40 auf 68 Prozent liege der Anteil identischer Inhalte bei meinungsbetonten Formaten wie Leitartikeln, Kommentaren und Rezensionen sogar noch höher.

Die Wahrscheinlichkeit, dass in verschiedenen Zeitungen z.B. vor Abstimmungen gleiche Abstimmungsempfehlungen abgegeben werden oder dass im Falle von Skandalen gleichförmige Kritik geübt wird, wächst. Der Vielfaltsschwund im Bereich abstimmungs- und wahlbezogener Meinungsbekundungen ist umso problematischer, als Zeitungen im Verlauf von Abstimmungskämpfen immer noch bevorzugte Informationsquellen darstellen.

Der Untersuchung zufolge schwächen redaktionelle Verbundsysteme den publizistischen Wettbewerb und die intermediale Kontrollfunktion, wodurch die Gefahr publizistischer Fehlleistungen wächst und die Qualität der Information als unverzichtbare Voraussetzung für eine fundierte Meinungsbildung sinkt.

Die "News-Deprivierten"

Neben dem Ressourcenabbau bedroht auch der Publikumsschwund den Informationsjournalismus, heißt es in dem Jahrbuch weiter. Traditionelle Medienangebote und insbesondere gedruckte Presseerzeugnisse verlieren der Studie zufolge gegenüber digitalen Informationskanälen, allerdings nicht über alle Nutzer hinweg gleich stark, sondern gemäß unterschiedlicher Präferenzen der Nutzer für News. Mit dem Begriff "News-Deprivierte" beschreibt die Studie Nutzer, für die "generell eine Unterversorgung mit professionellen Informationsmedien konstatiert" wird, da diese vergleichsweise wenig Informationsmedien nutzen, sondern sich stattdessen vornehmlich über Social Media informieren.

Die News-Deprivierten sind nicht nur durch tiefe Nutzung von Informationsmedien geprägt, sie sind auch weniger an gesellschaftlich relevanten Themen interessiert.

Am wenigsten Interesse bringen sie nationalen und internationalen Politik- oder Wirtschaftsnachrichten entgegen, also jenen Themen, welche das Kerngeschäft von Qualitätsmedien ausmachen. Knapp ein Drittel der News-Deprivierten (31 Prozent) geben an, dass sie sich stark oder sehr stark für Schweizer Politik interessieren. Nur bei den weicheren Themen Musik sowie Fitness, Gesundheit und Ernährung weisen sie ähnlich hohe Interessensraten aus wie die Referenzgruppen.

Der Anteil der "News-Deprivierten" unter den verschiedenen Nutzertypen ist laut der Untersuchung "seit 2009 um 15 Prozentpunkte auf mittlerweile 36 Prozent gestiegen", womit diese "der am stärksten vertretene Newsrepertoiretyp in der Schweiz" sind. Dieser Nutzertyp sei besonders bei der jungen Generation ausgeprägt. Bei den 16- bis 29-Jährigen habe sich der Anteil der "News-Deprivierten" seit dem Jahr 2009 um 21 Prozent auf nunmehr 53 Prozent erhöht. Wohingegen er bei der Gesamtbevölkerung bei nur 36 Prozent liege. Dieser Trend sei besonders fatal.

Es wächst eine Nutzergruppe heran, die sich wenig für die Themen des Informationsjournalismus interessiert und wenig Informationsmedien nutzt. Es besteht zwar die Möglichkeit, dass sich junge Nutzerinnen und Nutzer mit zunehmendem Alter stärker für News interessieren und so den 'Sprung' in ein anderes Repertoire schaffen. Die Zunahme des Repertoiretyps über alle Altersgruppen hinweg widerspricht jedoch dieser Annahme.

Die wachsende Zahl der "News-Deprivierten" wirke sich wiederum auf die Einnahmemöglichkeiten der Medienanbieter im Onlinebereich aus, da rückläufige Nutzerzahlen weniger werberelevante Klickzahlen bedeuten, wodurch entsprechende Werbeeinnahmen sinken oder stagnieren. Demzufolge zeichne sich im Netz eine Verschiebung im Lesermarkt ab, von Informationsangeboten hin zu Unterhaltungsformaten und Social Media.

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