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Vom Glück, Gesinnungsethiker zu sein

Vom Glück, Gesinnungsethiker zu sein
Beispiel für Gesinnungsethik?: Ein Demonstrant fordert offene Grenzen während der "Unteilbar"-Demo am 13. Oktober in Berlin, an der 200.000 Menschen teilnahmen.
An sauberen Händen besteht kein Mangel, die Gesinnungsethiker sind Legion. Für den Gesinnungsethiker zählt nur die Lauterkeit seiner Absichten, nicht dagegen die Folgen seines Tuns. In einer Sintflut von guten Absichten werden wir ersaufen!

von Leo Ensel

Ich wäre auch gerne Gesinnungsethiker! Ich stelle mir das richtig toll vor. Es muss ein gutes Gefühl sein, immer auf der richtigen Seite zu stehen. Mit flammender Leidenschaft das Böse und die Bösen anklagen. Die Lauen aufrütteln und ihnen ins Gewissen reden. Keine Nacht würden sie mehr schlafen! Das gesamte Elend dieses Planeten – ich würde es liebend gerne auf meine schmalen Schultern laden. Und die ganze Welt würde es sehen!

Sorgte für Empörung: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder bei der Amtseinführung des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Nie mehr wäre ich allein. Eine ganze Partei, die gerade bei Wahlen von einem Triumph zum nächsten eilt (nein, ich meine nicht die AfD!), würde mir Rückhalt geben. Und die nötige Infrastruktur dazu! Ich wäre angesehen. Meine Reputation wäre impeccable (tadellos, Anm. d. Red.). Mit zunehmendem Alter würde man mich mit Ehrungen überhäufen …

Und sollte irgendwann doch noch die Katastrophe eintreten, sollte das Böse, sollten die Bösen eines Tages doch obsiegen – mein Gewissen wäre rein! Alles nicht in meinem Namen. Ich jedenfalls hätte rechtzeitig davor gewarnt! – Ja, es wäre schon schön, Gesinnungsethiker zu sein!

Sie haben das Wort „Gesinnungsethiker“ schon mal gehört, wissen aber nicht mehr so genau, was es damit auf sich hat?

Also: Vor fast genau hundert Jahren, im Januar 1919 hielt der Soziologe Max Weber in München unter dem aktuellen Eindruck des Revolutionswinters 1918/19 seinen berühmt gewordenen Vortrag „Politik als Beruf“. Darin traf er jene Unterscheidung, die zum Klassiker geworden ist, eben die zwischen „Gesinnungsethikern“ und „Verantwortungsethikern“. Eine Unterscheidung, die nichts an Aktualität verloren hat, besonders im Hinblick auf den gegenwärtigen Umgang unserer Politiker mit Russland.

Für den Gesinnungsethiker zählt nur die Lauterkeit seiner Absichten, nicht dagegen die Folgen seines Tuns. (Max Weber zitiert die Maxime des Protestantismus: „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim.“) Dass auch – möglicherweise gerade – gute Absichten schlimme Folgen zeitigen können, davon will der Gesinnungsethiker nichts wissen. „Keine Obergrenze für Flüchtlinge!“, „No Border, no Nation!“, so dröhnen seine markigen Parolen. Oder: „Keine Entspannung mit Moskau vor Rückgabe der Krim!“

Dass im ersten Falle AfD-nahe Positionen früher oder später mehrheitsfähig sind und das Asylrecht ganz abgeschafft wird, im zweiten Falle der neue Ost-West-Konflikt sich verewigt und zu einem zweiten Kalten Krieg oder gar Schlimmerem eskaliert – was schert es den Gesinnungsethiker? Relevant für ihn sind nicht die Effekte  seines Tuns und Lassens, sondern die Reinheit seiner Motive, sprich: die gefühlte moralische Überlegenheit, die er wie eine Monstranz vor sich herträgt. Oder in den Worten Max Webers:

Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung nicht erlischt!

Kurz: Auf niemanden trifft der berühmte böse Satz, „Das Gegenteil von ‚gut‘ ist nicht ‚schlecht‘, sondern ‚gut gemeint‘!“ besser zu als auf den Gesinnungsethiker.

Wladimir Putin und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker während des G20-Gipfels in Hamburg (8. Juli 2017)

Der Verantwortungsethiker hingegen hat nach Weber die Folgen seines Handelns im Blick. Pragmatische Erfolge im Kleinen sind ihm wichtiger als hehre Visionen. Die Verhältnisse wenigstens etwas zum Besseren verändert oder, noch bescheidener, das Schlimmste zum weniger Schlimmen abgemildert zu haben, ist ihm Erfolg genug. Dafür ist er bereit, sich die Hände schmutzig zu machen, durch die Kloaken der Abwasserkanäle zu tauchen, sich zur Not mit dem Teufel an einen Tisch zu setzen. Er diskutiert nicht monatelang am Brunnenrand die Schuldfrage, sondern zieht das hineingefallene Kind heraus. 

Der Verantwortungsethiker schuftet im Tagesdreck. Weil er ranklotzt, schwitzt er. Weil er den Dreck wegschaufelt, ist er selbst dreckig. Weil er den Gestank bekämpft, stinkt er selber. Oder in Brechts hochgestochenem Grau in Grau: 

Könntest du die Welt endlich verändern, wofür

Wärest du dir zu gut?

Versinke in Schmutz

Umarme den Schlächter, aber         

Ändere die Welt: sie braucht es!

Der Verantwortungsethiker besteht auf „Borders“ und „Nations“. Und wenn es nicht anders geht, führt er Obergrenzen ein. Damit sein Land auch morgen noch Flüchtlinge aufnehmen kann! Er blendet die Krim-Frage aus. Und startet allem Hohn und Spott, allen moralisierenden Imperativen des Mainstreams zum Trotz eine Entspannungspolitik 2.0. Damit alle Akteure endlich aus der Sackgasse rauskommen können. Und es kein neues Wettrüsten gibt. Und nicht noch mehr Menschen sterben.

Denn der Verantwortungsethiker weiß: Vor Gott und den Psychoanalytikern mögen Motive gelten – vor den Menschen zählen Effekte!

Es gab mal einen, der sich für diese Arbeit nicht zu schade war. Der im Tagesdreck schuftete, oft im Hintergrund. Und sich einen Dreck darum scherte, wenn man ihn mit Dreck bewarf und als Landesverräter denunzierte. Der sich dem Max Weber‘schen „starken und langsamen Bohren harter Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ – übrigens ebenfalls ein Zitat aus dem genannten Vortrag – verschrieben hatte und es in aller Stille jahrzehntelang praktizierte.

Nach einem Vierteljahrhundert hatte er sein Ziel endlich erreicht: Der Kalte Krieg war beendet! Ohne dass ein einziger Schuss gefallen war.

Im Sommer 2015 ist er im Alter von 93 Jahren gestorben.

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